In diesem Blog teilen Studierende der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg gemeinsam mit Armin Lude und Steffen Schaal (Professoren für Biologie und ihre Didaktik) ihre Überlegungen zum Lernen und Lehren von Biologie.
Freitag, 21. August 2020
Bildungsbezogene Implikationen der Corona-Krise
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Hallo Felix, zunächst ein Mal möchte ich dich zu diesem, wie ich finde, sehr gelungenen Beitrag beglückwünschen. In dieser „Lobeshymne“, die du auf den aktuellen Bildungsplan hältst, der – wie du schön dargestellt hast – sehr flexibel auch auf hochaktuelle Themen wie die Corona-Pandemie reagieren kann, ist von Anfang bis Ende der rote Faden und die Argumentationslogik gut erkennbar. Auch von der Rhetorik und den gewählten Abbildungen her kann sich dieser Beitrag sehen lassen. Nach dieser Lobeshymne von mir auf die generelle Gestaltung des Blogbeitrags wollen wir nun zum Inhalt kommen. Der eingangs gegebene Denkanstoß war sehr passend, weil er mir erneut aufzeigte, wie wenig ich doch in der Schule über die Wissenschaftspraxis gelernt habe. Klar, man hat mal hier und da ein paar Experimente gemacht, die dann aber meistens vorher schon vom Lehrer durchgeplant wurden und man letztlich einfach nur Handwerks-Arbeit leisten musste. Warum „erneut aufzeigte“? Weil ich diese Wissens- bzw. Kompetenzlücke bei mir schon im ersten Semester entdecken musste, als eben nicht nur Experimente durchgeführt, sondern sogar geplant und auch noch ausgewertet werden sollten. Wenn also diese Lücke bereits in der Schule geschlossen werden könnte, wäre das optimal. Diese Vorstellung in Kombination mit den zuvor erwähnten Verschwörungstheoretikern und deren noch viel größeren Wissens-/Kompetenzlücke was die Wissenschaftspraxis angeht, ließ mich also sehr gespannt werden auf das, was mich auf den folgenden Seiten erwarten würde. Zu den Leitperspektiven kann ich eigentlich nichts mehr hinzufügen. Sehr schön recherchierte Zitate und Quellen, die jeder der behandelten Leitperspektiven eine Bedeutung hinsichtlich der Corona-Pandemie verleihen. Sogar mit Querverweis zu einem weiteren Blogbeitrag – genial! Auch der Abschnitt zu den inhalts- und prozessbezogenen Kompetenzen ist sehr gut gelungen. Sehr schön, wie sogar in die Original-Abbildungen die jeweiligen konkreten Beispiele für die Corona-Thematik eingefügt wurden. Auch inhaltlich ist diesen Beispielen nichts hinzuzufügen – top! Auch das Beispiel für ein Experiment zum Aufzeigen der Sinnhaftigkeit von Hygienemaßnahmen ist ein gut gewähltes Beispiel, wobei ich hier darauf hinweisen möchte, dass doch bitte deutlich gemacht werden sollte (insofern dies nicht schon in vorherigen Unterrichtseinheiten geschehen), dass nicht alle Bakterien, die auf der Haut sitzen, bedeuten, dass man gleich schwer krank wird. Ich kann mir vorstellen, dass da eine gewisse Verunsicherung bei den SuS entstehen kann, wenn sie einen dichten Bakterienrasen sehen, nur weil sie sich nicht die Hände gewaschen haben. Ich weiß, das ist der Sinn des Experiments. Aber auch weil ja bei der gewaschenen Hand durchaus noch vereinzelte Kolonien zu erwarten sind, sollte darauf hingewiesen werden. Leider war ich etwas enttäuscht vom Kapitel 3, in welchem ich eigentlich konkrete Ideen erwartet hätte, wie man es verhindern könnte, dass Leute wie ich an die Universität kommen und noch nie zuvor den Begriff „Empirie“ gehört haben. Zwar wird schön beschrieben, was eigentlich schon klar ist, nämlich dass ein Wissenschaftsverständnis bereits in der Schule gefördert werden sollte, damit in der Zukunft auch der ein oder andere Politiker etwas geduldiger mit den Wissenschaftlern sein kann. Aber konkrete Vorschläge, wie ein solches Wissenschaftsverständnis in der Schule vermittelt werden soll, habe ich nicht rauslesen können. Sollte deiner Meinung nach das Wissenschaftsverständnis alleine von der Biologie vermittelt werden? Sollte es gar ein eigenes Fach geben? Wann sollte diese Bildung in der Wissenschaftspraxis beginnen und in welcher Form, eher implizit oder explizit? Ich könnte mir vorstellen, dass eine explizite Thematisierung der Wissenschaftspraxis, womöglich über mehrere Unterrichtsstunden hinweg, einfach zeitlich nicht machbar sein könnte. Vielleicht kannst du hierzu noch deine Ideen ausformulieren. Ansonsten wie gesagt ein sehr schöner Blogbeitrag, der die Stärken des aktuellen Bildungsplans deutlich hervorhebt. Liebe Grüße Marvin
Lieber Marvin, vorweg erst einmal vielen Dank für das differenzierte und kompetente Feedback zum Beitrag und die ergänzenden persönlichen Gedanken bzw. Erfahrungen zum Thema. Sehr gerne gehe ich an dieser Stelle auf deine wirklich passenden Fragen ein: Deine Erfahrungen bezüglich der Thematisierung von wissenschaftlichem Arbeiten in der Schule teile ich in ähnlicher Form. Bevor ich hier an die PH gekommen bin, habe ich an der Universität in Stuttgart, Technische Biologie studiert. In diesem Umfeld hatte ich persönlichen Kontakt zu dort angestellten Wissenschaftlern und Doktoranden, die in vielen Veranstaltungen mit laborpraktischem Bezug auch die Betreuung der Studierenden übernommen haben. Ich erinnere mich noch an den ersten Tag, an dem der Studiendekan des Studiengangs, in einer Rede versucht hat das Hauptziel der ersten sechs Bachelorsemester zu verdeutlichen. Für ihn bestand dieses Ziel darin, den Studierenden das Handwerkszeug mitzugeben, das sie dazu befähigt in einem Raum mit Wissenschaftlern völlig unterschiedlicher naturwissenschaftlicher Disziplinen, sowie Individuen, die aus ganz anderen Kontexten kommen, zu Ergebnissen zu gelangen. In den darauffolgenden Semestern verdeutlichten sich für mich die Anforderungen, die die Bewältigung einer derartigen Situation mit sich bringen kann. Ich konnte in den dortigen Laboren ganz praktisch erfahren wie ähnlich sich die wissenschaftlichen Vorgehensweisen der Chemie, Physik, Verfahrenstechnik, und der Biologie doch sind und dass sich alle über dieselben Kenngrößen in der Analyse ihrer Beobachtungen unterhielten. Experimente wurden mit den gleichen Grundlagen also z.B. Variablendefinitionen konzipiert und mit den gleichen statistischen Werkzeugen weiterverarbeitet. Von identischen Korrelationstests bis hin zu einheitlichen Signifikanzniveaus, denselben Diskussionen über Stichprobenumfänge, und den gleichen Fehlerrechnungen, Wissenschaft funktioniert überall ähnlich. Also zu deiner überaus wichtigen Frage, inwieweit das Wissenschaftsverständnis allein von der Biologie vermittelt werden sollte. Meiner Meinung nach ist dies nur bedingt möglich. Es geht um eine grundlegende fast schon persönliche Einstellung in Bezug auf die Gewinnung von Erkenntnissen. Alltagserfahrungen stellen meist weder Forderungen nach Objektivität noch Wiederholbarkeit der gemachten Beobachtungen. Es geht also um eine persönliche und nachhaltige Transformation unserer Grundhaltungen in Bezug auf das Beobachten und Beschreiben unserer Umwelt. Ein persönlicher Paradigmenwechsel, wenn man so will...
Teil 2... Im Schulkontext muss wissenschaftliches Arbeiten somit interdisziplinär, also fächerübergreifend, thematisiert werden. Beginnen wir beispielsweise mit dem Mathematikunterricht, oft stellen sich Schülerinnen und Schüler gerade mit fortschreitender Komplexität der Inhalte, die Frage für was sie diese denn eigentlich brauchen können. Hier muss eine viel stärkere Verknüpfung mit den Naturwissenschaften Biologie, Physik und Chemie stattfinden. Schülerinnen und Schüler sollten dafür sensibilisiert werden, dass sie die mathematischen Kompetenzen zur Beschreibung, Analyse und Interpretation aller Vorgänge um sie herum Nutzen können. Es besteht bereits hier die Chance zu verdeutlichen, warum ein Experiment beispielsweise so geplant, umgesetzt und analysiert wird, wie es im Biologie Buch gegeben ist oder von der Lehrkraft leider viel zu häufig unbegründet präsentiert wird. Was bedeutet der Stichprobenumfang für ein Experiment, wie kommt man zu einem Mittelwert und warum wird bei manchen Studien dann plötzlich geschickt der Median angegeben und warum ist es ganz wichtig, die Streuung von gemessenen Ergebnissen im Blick zu haben, um ein Experiment sinnvoll zu analysieren. Aber auch das Lesen und Erstellen von Diagrammen, der Umgang mit Messwerten und deren Fehler-Abweichung, ob nun relativ oder absolut. Alles Berührungspunkte der Mathematik und Biologie, die gerade für den Umgang mit wissenschaftlicher Arbeit, ob nun selbst ausgeführt oder nur beurteilt, essenziell wichtig sind.* Die Schönheit der Biologie besteht für mich in ihrem Charakter als vereinendes Glied aller anderen Naturwissenschaften, sie haucht der Mathematik, im wahrsten Sinne des Wortes, etwas Leben ein. Ganz praktisch und schulbezogen, bedeutet das für mich, dass der naturwissenschaftliche Unterricht zeitweise in Form von Projekten umsetzen ließe, die gegebenenfalls betreut von Lehrkräften mehrerer Fachbereiche, stattfinden kann. Es könnte beispielsweise ein konkretes naturwissenschaftliches Phänomen herausgegriffen werden, das dann arbeitsteilig in den verschiedenen Fächern wissenschaftlich angegangen wird. Und auch die Gesellschaftswissenschaftlichen Fächer wie Gemeinschaftskunde oder Ethik und Geografie könnten im Anschluss die Ergebnisse mit Blick auf politische, soziale, ethische, sowie ökonomische Auswirkungen analysieren. Dies würde Schülerinnen und Schülern das Verständnis für die Vorläufigkeit, Dynamik und Komplexität der Klärung von Sachverhalten in der Realität vermitteln. Deine Frage ob es gar ein eigenes Fach geben sollte würde ich mit Nein beantworten. Jeder Fachbereich kann einzeln dazu beitragen, dass Schülerinnen und Schüler ein Verständnis für den Ablauf und die Herangehensweisen zur Erkenntnisgewinnung, erlangen. Und ich spreche hier nicht nur von den Naturwissenschaften. Die Erhebung und Analyse von Daten in den Sozial und Gesellschaftswissenschaften, basiert im Grunde auf denselben Grundlagen, denselben Strategien und Regeln...
Teil 3... (meine Antwort ist wohl doch länger geworden als gedacht) Wann sollte diese Bildung in der Wissenschaftspraxis beginnen? Meiner Meinung nach kann dies bereits in der Grundschule beginnen. Eine erste Konfrontation mit einfachen systematischen Abläufen des Experimentierens, der neutralen Beobachtung, auf die erst in darauffolgenden Schritten die Analyse und Interpretation, folgt, kann bereits hier stattfinden. Und auch die sprachlichen Grundlagen, der Formulierung von einfachen Hypothesen bzw. Ideen, und die präzise, in sukzessive also in zeitlich richtiger Reihenfolge ablaufende Beschreibung von Beobachtungen, ist hier bereits anhand ganz einfacher Beispiele einführbar. Meine Meinung scheint hier mit den Einschätzungen der Fachdidaktiker übereinzustimmen. (vgl. „Wissenschaftsverständnis von Grundschülern im Sachunterricht“ Patricia Grygier, Julius Klinkhardt, 2008) Ich denke, dass die Vermittlung von Wissenschaftsverständnis eher kontinuierlich implizit und damit nahhaltig stattfinden sollte, und an ausgewählter Stelle explizit verdeutlicht werden kann. Die grundlegenden Herangehensweisen sind gerade im Biologie Unterricht an so vielen Stellen hervorzuheben, dass diese Betrachtung, über die gesamte Schullaufbahn hinweg, immer wieder mit einfließen kann. Vielen Dank nochmal für deinen Kommentar und die konkreten Fragen.
danke für deinen Blogbeitrag zu dem aktuellen und dringlichen Thema! Wie du in der Einleitung erläuterst, ist der gesellschaftliche Diskurs leider geprägt von durch Laien und Verschwörungstheoretikern eingebrachte Meinungen, die von „Die Medien belügen uns und schüren unnötig Panik, indem sie „infiziert/erkrankt“ oder „mit/an Corona verstorben“ munter durcheinander würfeln“ über „Bill Gates will uns alle zwangsimpfen um die neue Weltordnung etablieren zu können“ bis hin zu „Aliens haben den Virus ausgesetzt um die Menschheit auszurotten“ wohl alles abdecken, was man sich überhaupt vorstellen kann. Auch an den COVID-19-Tests wird kein gutes Haar gelassen, indem behauptet wird sie würden zu 50% falsch-positive Ergebnisse liefern, also im Wechsel dieselbe Person als nichtinfiziert und dann doch infiziert anzeigen oder sogar, dass man ohne diese Tests gar nichts von einer Pandemie bemerken würde und die Zahl der Infizierten nur deshalb ansteige, weil sie eben überhaupt getestet wurden.
Aber wieso können sich in unserer aufgeklärten Gesellschaft solche Meinungen und Behauptungen überhaupt halten oder wie entstehen sie? Ich denke, dass dies aus einem Zusammenspiel mehrerer Faktoren herrührt. Einerseits befallen die Menschen Gefühle wie Angst und Unsicherheit. Alles kam so plötzlich und unerwartet. Man hatte davor keine vergleichbaren Erfahrungen gemacht, immerhin war die letzte ähnliche Pandemie, die spanische Grippe, laut Wikipedia 1920 vorbei. Diese Gefühle sind ein guter Nährboden für alle möglichen Theorien. Wir wollen wissen was los ist und uns am Besten wieder Herr der Lage fühlen, wenn auch nur bedingt. Andererseits bietet die heutige Welt mit Internet, sozialen Medien oder Portalen wie YouTube nie dagewesene Möglichkeiten der Verbreitung von Information. Jeder der sich auch nur ansatzweise dazu berufen fühlt „die Wahrheit“, also seine eigene Meinung, zu verbreiten, kann dies nach Lust und Laune tun. Gefährlich wird dies, wenn andere sich von Meinungen anstecken lassen ohne selbst zu reflektieren, denn Meinungen können auch falsch sein. An dieser Stelle kommt die Wissenschaft ins Spiel, die uns weg von Meinungen und Vermutungen, hin zu belastbaren Fakten bringt. Sie schafft, wie der Name schon sagt, Wissen. Leider gibt es viele Menschen, die nicht verstehen wie Wissenschaft funktioniert. Sie denken, dass wenn unter Experten teilweise gegensätzliche Ansichten bestehen, eine davon wahr sein muss und die andere zwangsläufig falsch. Dann suchen sie sich diejenige aus, die ihnen davon am meisten zusagt. Sie wissen nicht, dass sich „Experteneinschätzungen, im Sinne eines gesunden, wissenschaftlichen Diskurses, auch widersprechen können“, wie du treffend formuliert hast. Oftmals können sie es aber auch gar nicht besser wissen, weil sie es nie gelernt haben. Deshalb sollte, wie du in deinem Blogbeitrag beschreibst, Wissenschaftsverständnis bereits während der Schulzeit gefördert und ausgebaut werden. Damit die Menschen verstehen, dass für einen COVID-19 Virus kein Bill Gates oder sonstige Hintergrundmänner notwendig sind, die diesen ausgesetzt haben um davon zu profitieren, sondern Zoonosen allein schon durch den Handel mit Wildtieren, der wohl spätestens seit Anbeginn dessen was wir als Zivilisation verstehen existiert, entstehen und sich verbreiten können.
In diesem Sinne danke nochmals für deinen informativen Beitrag und viele Grüße, Rainer Comisel
Lieber Rainer, vielen Dank für deinen Kommentar. Du formulierst treffend, wie unterschiedlich das Thema im aktuellen öffentlichen Diskurs in unserer Gesellschaft gehandhabt wird. Und auch die Ursachen, die du gerade in der Unsicherheit, aufgrund der Neuartigkeit der Situation und den daraus resultierenden Ängsten, siehst, würde ich so unterstreichen. Wir sollten allerlei Stimmen in unserer Gesellschaft registrieren und die Hintergründe bzw. Motivation hinter diesen für uns analysieren. Wir als Pädagogen und Didaktiker besitzen dann das Handwerkszeug um biologische Grundlagen und aktuelle Erkenntnisse der Wissenschaft adressatengerecht zu formulieren bzw. neutral und fundiert zu kommunizieren. Dieser wichtigen Fähigkeit sollten wir uns bewusst sein. Da du dich im ersten Teil auf die Ansichten und das Potential der COVID-19-Tests bezogen hast möchte ich dir ein Video mit dem Titel „Corona im Herbst | Ändern Schnelltests alles?“, das für die Sender ARD & ZDF produziert wurde, empfehlen. Dieses befasst sich mit biologischen Hintergründen und statistischen Betrachtungen, die wirklich sehenswert sind und sicher für viele neu sind: https://www.youtube.com/watch?v=czzrPQIg54Q
Ich wünsche dir noch eine schöne vorlesungsfreie Zeit. Freundliche Grüße Felix Koch
Hallo Felix,
AntwortenLöschenzunächst ein Mal möchte ich dich zu diesem, wie ich finde, sehr gelungenen Beitrag beglückwünschen. In dieser „Lobeshymne“, die du auf den aktuellen Bildungsplan hältst, der – wie du schön dargestellt hast – sehr flexibel auch auf hochaktuelle Themen wie die Corona-Pandemie reagieren kann, ist von Anfang bis Ende der rote Faden und die Argumentationslogik gut erkennbar. Auch von der Rhetorik und den gewählten Abbildungen her kann sich dieser Beitrag sehen lassen.
Nach dieser Lobeshymne von mir auf die generelle Gestaltung des Blogbeitrags wollen wir nun zum Inhalt kommen.
Der eingangs gegebene Denkanstoß war sehr passend, weil er mir erneut aufzeigte, wie wenig ich doch in der Schule über die Wissenschaftspraxis gelernt habe. Klar, man hat mal hier und da ein paar Experimente gemacht, die dann aber meistens vorher schon vom Lehrer durchgeplant wurden und man letztlich einfach nur Handwerks-Arbeit leisten musste. Warum „erneut aufzeigte“? Weil ich diese Wissens- bzw. Kompetenzlücke bei mir schon im ersten Semester entdecken musste, als eben nicht nur Experimente durchgeführt, sondern sogar geplant und auch noch ausgewertet werden sollten. Wenn also diese Lücke bereits in der Schule geschlossen werden könnte, wäre das optimal.
Diese Vorstellung in Kombination mit den zuvor erwähnten Verschwörungstheoretikern und deren noch viel größeren Wissens-/Kompetenzlücke was die Wissenschaftspraxis angeht, ließ mich also sehr gespannt werden auf das, was mich auf den folgenden Seiten erwarten würde.
Zu den Leitperspektiven kann ich eigentlich nichts mehr hinzufügen. Sehr schön recherchierte Zitate und Quellen, die jeder der behandelten Leitperspektiven eine Bedeutung hinsichtlich der Corona-Pandemie verleihen. Sogar mit Querverweis zu einem weiteren Blogbeitrag – genial!
Auch der Abschnitt zu den inhalts- und prozessbezogenen Kompetenzen ist sehr gut gelungen. Sehr schön, wie sogar in die Original-Abbildungen die jeweiligen konkreten Beispiele für die Corona-Thematik eingefügt wurden. Auch inhaltlich ist diesen Beispielen nichts hinzuzufügen – top!
Auch das Beispiel für ein Experiment zum Aufzeigen der Sinnhaftigkeit von Hygienemaßnahmen ist ein gut gewähltes Beispiel, wobei ich hier darauf hinweisen möchte, dass doch bitte deutlich gemacht werden sollte (insofern dies nicht schon in vorherigen Unterrichtseinheiten geschehen), dass nicht alle Bakterien, die auf der Haut sitzen, bedeuten, dass man gleich schwer krank wird. Ich kann mir vorstellen, dass da eine gewisse Verunsicherung bei den SuS entstehen kann, wenn sie einen dichten Bakterienrasen sehen, nur weil sie sich nicht die Hände gewaschen haben. Ich weiß, das ist der Sinn des Experiments. Aber auch weil ja bei der gewaschenen Hand durchaus noch vereinzelte Kolonien zu erwarten sind, sollte darauf hingewiesen werden.
Leider war ich etwas enttäuscht vom Kapitel 3, in welchem ich eigentlich konkrete Ideen erwartet hätte, wie man es verhindern könnte, dass Leute wie ich an die Universität kommen und noch nie zuvor den Begriff „Empirie“ gehört haben. Zwar wird schön beschrieben, was eigentlich schon klar ist, nämlich dass ein Wissenschaftsverständnis bereits in der Schule gefördert werden sollte, damit in der Zukunft auch der ein oder andere Politiker etwas geduldiger mit den Wissenschaftlern sein kann. Aber konkrete Vorschläge, wie ein solches Wissenschaftsverständnis in der Schule vermittelt werden soll, habe ich nicht rauslesen können.
Sollte deiner Meinung nach das Wissenschaftsverständnis alleine von der Biologie vermittelt werden? Sollte es gar ein eigenes Fach geben? Wann sollte diese Bildung in der Wissenschaftspraxis beginnen und in welcher Form, eher implizit oder explizit?
Ich könnte mir vorstellen, dass eine explizite Thematisierung der Wissenschaftspraxis, womöglich über mehrere Unterrichtsstunden hinweg, einfach zeitlich nicht machbar sein könnte.
Vielleicht kannst du hierzu noch deine Ideen ausformulieren.
Ansonsten wie gesagt ein sehr schöner Blogbeitrag, der die Stärken des aktuellen Bildungsplans deutlich hervorhebt.
Liebe Grüße
Marvin
Lieber Marvin,
Löschenvorweg erst einmal vielen Dank für das differenzierte und kompetente Feedback zum Beitrag und die ergänzenden persönlichen Gedanken bzw. Erfahrungen zum Thema. Sehr gerne gehe ich an dieser Stelle auf deine wirklich passenden Fragen ein:
Deine Erfahrungen bezüglich der Thematisierung von wissenschaftlichem Arbeiten in der Schule teile ich in ähnlicher Form. Bevor ich hier an die PH gekommen bin, habe ich an der Universität in Stuttgart, Technische Biologie studiert. In diesem Umfeld hatte ich persönlichen Kontakt zu dort angestellten Wissenschaftlern und Doktoranden, die in vielen Veranstaltungen mit laborpraktischem Bezug auch die Betreuung der Studierenden übernommen haben. Ich erinnere mich noch an den ersten Tag, an dem der Studiendekan des Studiengangs, in einer Rede versucht hat das Hauptziel der ersten sechs Bachelorsemester zu verdeutlichen. Für ihn bestand dieses Ziel darin, den Studierenden das Handwerkszeug mitzugeben, das sie dazu befähigt in einem Raum mit Wissenschaftlern völlig unterschiedlicher naturwissenschaftlicher Disziplinen, sowie Individuen, die aus ganz anderen Kontexten kommen, zu Ergebnissen zu gelangen. In den darauffolgenden Semestern verdeutlichten sich für mich die Anforderungen, die die Bewältigung einer derartigen Situation mit sich bringen kann. Ich konnte in den dortigen Laboren ganz praktisch erfahren wie ähnlich sich die wissenschaftlichen Vorgehensweisen der Chemie, Physik, Verfahrenstechnik, und der Biologie doch sind und dass sich alle über dieselben Kenngrößen in der Analyse ihrer Beobachtungen unterhielten. Experimente wurden mit den gleichen Grundlagen also z.B. Variablendefinitionen konzipiert und mit den gleichen statistischen Werkzeugen weiterverarbeitet. Von identischen Korrelationstests bis hin zu einheitlichen Signifikanzniveaus, denselben Diskussionen über Stichprobenumfänge, und den gleichen Fehlerrechnungen, Wissenschaft funktioniert überall ähnlich. Also zu deiner überaus wichtigen Frage, inwieweit das Wissenschaftsverständnis allein von der Biologie vermittelt werden sollte. Meiner Meinung nach ist dies nur bedingt möglich. Es geht um eine grundlegende fast schon persönliche Einstellung in Bezug auf die Gewinnung von Erkenntnissen. Alltagserfahrungen stellen meist weder Forderungen nach Objektivität noch Wiederholbarkeit der gemachten Beobachtungen. Es geht also um eine persönliche und nachhaltige Transformation unserer Grundhaltungen in Bezug auf das Beobachten und Beschreiben unserer Umwelt. Ein persönlicher Paradigmenwechsel, wenn man so will...
Teil 2...
LöschenIm Schulkontext muss wissenschaftliches Arbeiten somit interdisziplinär, also fächerübergreifend, thematisiert werden. Beginnen wir beispielsweise mit dem Mathematikunterricht, oft stellen sich Schülerinnen und Schüler gerade mit fortschreitender Komplexität der Inhalte, die Frage für was sie diese denn eigentlich brauchen können. Hier muss eine viel stärkere Verknüpfung mit den Naturwissenschaften Biologie, Physik und Chemie stattfinden. Schülerinnen und Schüler sollten dafür sensibilisiert werden, dass sie die mathematischen Kompetenzen zur Beschreibung, Analyse und Interpretation aller Vorgänge um sie herum Nutzen können. Es besteht bereits hier die Chance zu verdeutlichen, warum ein Experiment beispielsweise so geplant, umgesetzt und analysiert wird, wie es im Biologie Buch gegeben ist oder von der Lehrkraft leider viel zu häufig unbegründet präsentiert wird. Was bedeutet der Stichprobenumfang für ein Experiment, wie kommt man zu einem Mittelwert und warum wird bei manchen Studien dann plötzlich geschickt der Median angegeben und warum ist es ganz wichtig, die Streuung von gemessenen Ergebnissen im Blick zu haben, um ein Experiment sinnvoll zu analysieren. Aber auch das Lesen und Erstellen von Diagrammen, der Umgang mit Messwerten und deren Fehler-Abweichung, ob nun relativ oder absolut. Alles Berührungspunkte der Mathematik und Biologie, die gerade für den Umgang mit wissenschaftlicher Arbeit, ob nun selbst ausgeführt oder nur beurteilt, essenziell wichtig sind.* Die Schönheit der Biologie besteht für mich in ihrem Charakter als vereinendes Glied aller anderen Naturwissenschaften, sie haucht der Mathematik, im wahrsten Sinne des Wortes, etwas Leben ein. Ganz praktisch und schulbezogen, bedeutet das für mich, dass der naturwissenschaftliche Unterricht zeitweise in Form von Projekten umsetzen ließe, die gegebenenfalls betreut von Lehrkräften mehrerer Fachbereiche, stattfinden kann. Es könnte beispielsweise ein konkretes naturwissenschaftliches Phänomen herausgegriffen werden, das dann arbeitsteilig in den verschiedenen Fächern wissenschaftlich angegangen wird. Und auch die Gesellschaftswissenschaftlichen Fächer wie Gemeinschaftskunde oder Ethik und Geografie könnten im Anschluss die Ergebnisse mit Blick auf politische, soziale, ethische, sowie ökonomische Auswirkungen analysieren. Dies würde Schülerinnen und Schülern das Verständnis für die Vorläufigkeit, Dynamik und Komplexität der Klärung von Sachverhalten in der Realität vermitteln. Deine Frage ob es gar ein eigenes Fach geben sollte würde ich mit Nein beantworten. Jeder Fachbereich kann einzeln dazu beitragen, dass Schülerinnen und Schüler ein Verständnis für den Ablauf und die Herangehensweisen zur Erkenntnisgewinnung, erlangen. Und ich spreche hier nicht nur von den Naturwissenschaften. Die Erhebung und Analyse von Daten in den Sozial und Gesellschaftswissenschaften, basiert im Grunde auf denselben Grundlagen, denselben Strategien und Regeln...
Teil 3... (meine Antwort ist wohl doch länger geworden als gedacht) Wann sollte diese Bildung in der Wissenschaftspraxis beginnen? Meiner Meinung nach kann dies bereits in der Grundschule beginnen. Eine erste Konfrontation mit einfachen systematischen Abläufen des Experimentierens, der neutralen Beobachtung, auf die erst in darauffolgenden Schritten die Analyse und Interpretation, folgt, kann bereits hier stattfinden. Und auch die sprachlichen Grundlagen, der Formulierung von einfachen Hypothesen bzw. Ideen, und die präzise, in sukzessive also in zeitlich richtiger Reihenfolge ablaufende Beschreibung von Beobachtungen, ist hier bereits anhand ganz einfacher Beispiele einführbar. Meine Meinung scheint hier mit den Einschätzungen der Fachdidaktiker übereinzustimmen. (vgl. „Wissenschaftsverständnis von Grundschülern im Sachunterricht“ Patricia Grygier, Julius Klinkhardt, 2008) Ich denke, dass die Vermittlung von Wissenschaftsverständnis eher kontinuierlich implizit und damit nahhaltig stattfinden sollte, und an ausgewählter Stelle explizit verdeutlicht werden kann. Die grundlegenden Herangehensweisen sind gerade im Biologie Unterricht an so vielen Stellen hervorzuheben, dass diese Betrachtung, über die gesamte Schullaufbahn hinweg, immer wieder mit einfließen kann.
LöschenVielen Dank nochmal für deinen Kommentar und die konkreten Fragen.
Freundliche Grüße
Felix Koch
Lieber Felix,
AntwortenLöschendanke für deinen Blogbeitrag zu dem aktuellen und dringlichen Thema! Wie du in der Einleitung erläuterst, ist der gesellschaftliche Diskurs leider geprägt von durch Laien und Verschwörungstheoretikern eingebrachte Meinungen, die von „Die Medien belügen uns und schüren unnötig Panik, indem sie „infiziert/erkrankt“ oder „mit/an Corona verstorben“ munter durcheinander würfeln“ über „Bill Gates will uns alle zwangsimpfen um die neue Weltordnung etablieren zu können“ bis hin zu „Aliens haben den Virus ausgesetzt um die Menschheit auszurotten“ wohl alles abdecken, was man sich überhaupt vorstellen kann. Auch an den COVID-19-Tests wird kein gutes Haar gelassen, indem behauptet wird sie würden zu 50% falsch-positive Ergebnisse liefern, also im Wechsel dieselbe Person als nichtinfiziert und dann doch infiziert anzeigen oder sogar, dass man ohne diese Tests gar nichts von einer Pandemie bemerken würde und die Zahl der Infizierten nur deshalb ansteige, weil sie eben überhaupt getestet wurden.
Aber wieso können sich in unserer aufgeklärten Gesellschaft solche Meinungen und Behauptungen überhaupt halten oder wie entstehen sie? Ich denke, dass dies aus einem Zusammenspiel mehrerer Faktoren herrührt. Einerseits befallen die Menschen Gefühle wie Angst und Unsicherheit. Alles kam so plötzlich und unerwartet. Man hatte davor keine vergleichbaren Erfahrungen gemacht, immerhin war die letzte ähnliche Pandemie, die spanische Grippe, laut Wikipedia 1920 vorbei. Diese Gefühle sind ein guter Nährboden für alle möglichen Theorien. Wir wollen wissen was los ist und uns am Besten wieder Herr der Lage fühlen, wenn auch nur bedingt. Andererseits bietet die heutige Welt mit Internet, sozialen Medien oder Portalen wie YouTube nie dagewesene Möglichkeiten der Verbreitung von Information. Jeder der sich auch nur ansatzweise dazu berufen fühlt „die Wahrheit“, also seine eigene Meinung, zu verbreiten, kann dies nach Lust und Laune tun. Gefährlich wird dies, wenn andere sich von Meinungen anstecken lassen ohne selbst zu reflektieren, denn Meinungen können auch falsch sein. An dieser Stelle kommt die Wissenschaft ins Spiel, die uns weg von Meinungen und Vermutungen, hin zu belastbaren Fakten bringt. Sie schafft, wie der Name schon sagt, Wissen. Leider gibt es viele Menschen, die nicht verstehen wie Wissenschaft funktioniert. Sie denken, dass wenn unter Experten teilweise gegensätzliche Ansichten bestehen, eine davon wahr sein muss und die andere zwangsläufig falsch. Dann suchen sie sich diejenige aus, die ihnen davon am meisten zusagt. Sie wissen nicht, dass sich „Experteneinschätzungen, im Sinne eines gesunden, wissenschaftlichen Diskurses, auch widersprechen können“, wie du treffend formuliert hast. Oftmals können sie es aber auch gar nicht besser wissen, weil sie es nie gelernt haben. Deshalb sollte, wie du in deinem Blogbeitrag beschreibst, Wissenschaftsverständnis bereits während der Schulzeit gefördert und ausgebaut werden. Damit die Menschen verstehen, dass für einen COVID-19 Virus kein Bill Gates oder sonstige Hintergrundmänner notwendig sind, die diesen ausgesetzt haben um davon zu profitieren, sondern Zoonosen allein schon durch den Handel mit Wildtieren, der wohl spätestens seit Anbeginn dessen was wir als Zivilisation verstehen existiert, entstehen und sich verbreiten können.
In diesem Sinne danke nochmals für deinen informativen Beitrag und viele Grüße,
Rainer Comisel
Lieber Rainer,
AntwortenLöschenvielen Dank für deinen Kommentar. Du formulierst treffend, wie unterschiedlich das Thema im aktuellen öffentlichen Diskurs in unserer Gesellschaft gehandhabt wird. Und auch die Ursachen, die du gerade in der Unsicherheit, aufgrund der Neuartigkeit der Situation und den daraus resultierenden Ängsten, siehst, würde ich so unterstreichen. Wir sollten allerlei Stimmen in unserer Gesellschaft registrieren und die Hintergründe bzw. Motivation hinter diesen für uns analysieren. Wir als Pädagogen und Didaktiker besitzen dann das Handwerkszeug um biologische Grundlagen und aktuelle Erkenntnisse der Wissenschaft adressatengerecht zu formulieren bzw. neutral und fundiert zu kommunizieren. Dieser wichtigen Fähigkeit sollten wir uns bewusst sein.
Da du dich im ersten Teil auf die Ansichten und das Potential der COVID-19-Tests bezogen hast möchte ich dir ein Video mit dem Titel „Corona im Herbst | Ändern Schnelltests alles?“, das für die Sender ARD & ZDF produziert wurde, empfehlen. Dieses befasst sich mit biologischen Hintergründen und statistischen Betrachtungen, die wirklich sehenswert sind und sicher für viele neu sind: https://www.youtube.com/watch?v=czzrPQIg54Q
Ich wünsche dir noch eine schöne vorlesungsfreie Zeit.
Freundliche Grüße
Felix Koch